Call for Paper zur Tagesveranstaltung
5 Jahre nach dem Öffentlichwerden des NSU
Tagung zur interdisziplinären Standortbestimmung und Perspektiventwicklung
am 22.10.2016 an der Frankfurt University of Applied Sciences

Vor fünf Jahren wurden die Taten des sog. „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (kurz: NSU) öffentlich. Von 1998 bis 2011 beging die rechtsterroristische Gruppierung nach aktuellem Kenntnisstand insgesamt 10 Morde, drei Bombenanschläge und mehrere Raubüberfälle. Seitdem wurden mehrere Untersuchungsausschüsse in den Ländern und im Bund sowie ein Strafprozess vor dem Oberlandesgericht in München eingesetzt, um die Täter_innenschaft der Morde sowie den Umstand zu ergründen, warum Rechtsterrorist_innen unerkannt im Untergrund morden konnten. Gegenüber der zivilgesellschaftlichen, journalistischen und parlamentarischen Aufklärungsarbeit ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem NSU bislang als defizitär zu bezeichnen. Obschon die NSU-Mordserie als eine Zäsur der bundesrepublikanischen Geschichte gedeutet werden kann, beschäftigen sich nur wenige Forschungsprojekte mit dem Gegenstand NSU. Auch in den akademischen Fachdisziplinen gibt es kaum wissenschaftliche Resonanz und noch weniger werden Konsequenzen für Forschungsperspektiven gezogen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung ist gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte vonnöten, um fundierte Analysen über den Rechtsterrorismus in Deutschland zu erarbeiten.

Um diesen Defiziten zu begegnen, organisieren wir eine Tagung zum NSU-Terrornetzwerk in Kooperation mit dem Forschungsnetzwerk NSU, dem Arbeitskreis kritischer Jurist_innen Frankfurt/M. und NSU Watch Hessen. Sie wird am 22. Oktober 2016 an der Frankfurt University of Applied Sciences unter dem Titel „5 Jahre nach dem Öffentlichwerden des NSU – eine interdisziplinäre Standortbestimmung und Perspektiventwicklung“ stattfinden. Der Termin der Tagung ist nicht zufällig gewählt. Voraussichtlich im September 2016 wird der NSU-Prozess in München sein Ende finden, am 04.11.2016 jährt sich zum fünften Mal das Bekanntwerden des NSU.

Die Tagung soll einen Rahmen bieten, um mit einem interdisziplinär ausgerichteten Publikum Forschungsperspektiven auf den NSU-Komplex zu diskutieren, bestehende Defizite in der Forschung zu benennen und über wissenschaftspolitische wie zivilgesellschaftliche Konsequenzen zu sprechen.
Unser Anliegen ist es, dass das Ende des Prozesses nicht zugleich auch das Ende der wissenschaftlichen Forschung über den NSU-Komplex bedeutet. Die aktuellen Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte, die zunehmende Radikalisierung rechter Kräfte in Deutschland und der Umstand, dass die Sicherheitsbehörden von mehreren hundert untergetauchten Neonazis ausgehen, muss auch wissenschaftlich weiter bearbeitet werden. Denn grundsätzliche Forschungen über rechtsterroristische Strukturen, ihre internationalen Netzwerke, institutionellen Rassismus und die strukturellen Probleme der Sicherheitsbehörden stehen noch aus. Auch für die politische Bildung, die pädagogische Vermittlung und den Umgang in der Sozialen Arbeit mit Rechtsextremist_innen und Rassist_innen ist die Debatte über den NSU-Komplex relevant.

Das Vorbereitungsteam der Tagung bittet um Vorschläge (im Umfang von max. 3000 Zeichen) für Vorträge zu den folgenden Querschnittsthemen:
• Rassismus
• Terrorstrukturen/Rechter Terror
• Rechtsextremismus/Rechte Netzwerke
• NSU-Prozess
• Untersuchungsausschüsse
• Interventionen & Gegenstrukturen
• Staatsapparate: Geheimdienst, Polizei etc.

Vorschläge für diese thematischen Schwerpunkte können interdisziplinär ausgerichtet sein. Sie können bspw. aus den Bereichen der Rechtswissenschaft, Politikwissenschaft, Soziologie (einschl. Sozialpsychologie), Soziale Arbeit, Gender-Studies oder Medienwissenschaft/Linguistik diskutiert und Erkenntnisse aus den jeweiligen Zugängen eingebracht werden. Auch Nachwuchswissenschaftler_innen sollen sich für Beiträge angesprochen sehen, auch wenn sie bislang im Forschungskontext NSU noch nicht öffentlich aufgetreten sind, auch sollen Wissenschaftler_innen ihr migrantisch situiertes Wissen einbringen.

Termin zur Einreichung der Abstracts (in den gängigen Dateiformaten, wie .doc, .pdf) bis 31.05.2016
Kontaktadresse: tagung2016@gmx.de

Die Teilnahmegebühr beträgt 10€.

Das Vorbereitungsteam:
Alice Blum (BA und Lehrbeauftragte an der Frankfurt University of Applied Sciences),
Dr. Michaela Köttig (Professorin an der Frankfurt University of Applied Sciences),
Maximilian Pichl (Dipl. Jurist, Promovend)